„Die Zukunft interessiert mich sehr. Ich werde den Rest meines Lebens dort verbringen.“ Dieses Zitat von Mark Twain bringt es auf den Punkt: Als Unternehmer oder Gründerin hast du keine Wahl, ob du dich mit der Zukunft beschäftigst – du wirst dort leben und arbeiten. Die Frage ist nur: Wirst du von ihr überrascht oder hast du sie mitgestaltet?
Früher reichte es oft aus, die Umsatzzahlen des letzten Jahres anzuschauen und linear fortzuschreiben. Ein bisschen Wachstum hier, ein wenig Inflation da – fertig war der Plan für das nächste Jahr. Doch diese Zeiten sind vorbei. Energiekrise, KI-Revolution, geopolitische Verschiebungen und Pandemien haben gezeigt: Die Zukunft ist keine gerade Linie mehr. Sie ist ein wildes Geflecht aus Möglichkeiten.
Wer heute ein Unternehmen gründet oder ein etabliertes KMU führt, steht vor einer paradoxen Situation: Du musst Entscheidungen treffen, die langfristig tragen, obwohl die langfristige Zukunft so neblig ist wie nie zuvor. Genau hier setzt Futures Thinking (oder Strategic Foresight) an. Es ist kein Blick in die Kristallkugel, sondern ein strategisches Werkzeugkasten, um in unsicheren Zeiten handlungsfähig zu bleiben.
Die neue Realität: VUCA & „Post-Normal Times“
Wenn sich die Welt gerade chaotisch anfühlt, bildest du dir das nicht ein. Wir befinden uns in einer Phase, die Experten als „Post-Normal Times“ bezeichnen. Das bedeutet: Alte Gewissheiten sterben, neue Regeln sind noch nicht etabliert, und kaum etwas scheint noch nach dem gewohnten Muster zu laufen.
In der Management-Literatur hat sich dafür das Akronym VUCA etabliert. Es beschreibt die Rahmenbedingungen, unter denen du heute dein Business navigierst:
- V – Volatilität: Veränderungen passieren rasant und unvorhersehbar (z. B. Preisschwankungen bei Rohstoffen).
- U – Unsicherheit: Die Vorhersehbarkeit von Ereignissen sinkt drastisch.
- C – Komplexität (Complexity): Es gibt keine einfachen Ursache-Wirkungs-Ketten mehr. Ein Ereignis in China kann Lieferketten im Sauerland lahmlegen.
- A – Ambiguität: Informationen sind mehrdeutig. Es gibt nicht mehr „die eine“ richtige Interpretation der Marktlage.
Für Gründer und KMU heißt das: Der klassische Fünf-Jahres-Plan, der in Stein gemeißelt ist, ist oft schon beim Ausdrucken veraltet. Wer stur an alten Annahmen festhält, riskiert, von der Realität überrollt zu werden.
Was ist Futures Thinking (Strategic Foresight)?
Viele verwechseln Futures Thinking mit Prognosen. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied.
Klassisches Forecasting fragt: „Was wird wahrscheinlich passieren?“ Es versucht, die Zukunft vorherzusagen, meist basierend auf Daten aus der Vergangenheit.
Futures Thinking (Strategic Foresight) fragt: „Was könnte passieren?“ Es geht nicht darum, die eine Zukunft vorherzusagen, denn das ist unmöglich. Stattdessen geht es darum, verschiedene mögliche Zukünfte zu durchdenken.
Stell dir vor, du planst eine Reise. Forecasting ist wie der Wetterbericht für morgen – ziemlich präzise, aber begrenzt. Futures Thinking ist wie das Packen deines Koffers für eine Reise, bei der du nicht genau weißt, ob du in der Wüste oder im Regenwald landest. Du bereitest dich auf verschiedene Szenarien vor, damit du in keiner Situation handlungsunfähig bist.
Es ist die Kunst, Signale im Heute zu nutzen, um Muster für morgen zu erkennen. Dabei akzeptierst du, dass die Zukunft offen ist und gestaltet werden kann.
Warum Prognosen oft scheitern
Wir Menschen lieben Sicherheit. Unser Gehirn hasst Unsicherheit. Deshalb klammern wir uns gerne an Expertenprognosen. Doch Studien, wie die des Politikwissenschaftlers Philip Tetlock, zeigen ernüchternde Ergebnisse: Experten sind oft kaum besser im Vorhersagen langfristiger Ereignisse als der Zufall.
Warum ist das so?
- Lineares Denken: Wir neigen dazu zu glauben, dass morgen so sein wird wie heute, nur ein bisschen anders. Exponentielle Veränderungen (wie bei der Verbreitung von KI oder Viren) können wir uns intuitiv kaum vorstellen.
- Die „offizielle Zukunft“: In fast jedem Unternehmen gibt es eine unausgesprochene „offizielle Zukunft“. Das ist die Annahme, dass das Geschäftsmodell weiterläuft, der Markt stabil bleibt und wir jedes Jahr 3 % wachsen. Diese Scheuklappen verhindern, dass wir disruptive Bedrohungen sehen.
- Expertenwissen veraltet: In einer sich radikal wandelnden Welt basiert Expertenwissen oft auf den Regeln der Vergangenheit. Wenn sich die Spielregeln ändern, wird Erfahrungswissen zur Falle.
Für KMU ist das Risiko hier besonders hoch: Wer nur auf Sicht fährt und davon ausgeht, dass die Kunden von heute auch die Kunden von morgen sind, übersieht oft die „Weak Signals“ – die schwachen Signale am Horizont, die den nächsten großen Umbruch ankündigen (denke an Kodak, die die Digitalkamera erfunden, aber das Potenzial nicht ernst genommen haben).
Der „Futures Cone“: Vier Arten von Zukunft
Um Struktur in das Chaos zu bringen, nutzen Futuristen ein Modell namens „Futures Cone“ (Zukunftskegel). Stell dir einen Kegel vor, der vom Jetzt in die Zukunft strahlt und immer breiter wird. Darin unterscheiden wir vier Typen:
1. Mögliche Zukunft (Possible)
Das umfasst alles, was physikalisch oder technisch irgendwie denkbar ist – egal wie unwahrscheinlich. Hier sind wir oft im Bereich von Science-Fiction (z. B. Beamen). Für dein Business ist das meist (noch) irrelevant, aber gut für die Inspiration.
2. Plausible Zukunft (Plausible)
Das sind Szenarien, die logisch erscheinen basierend auf unserem heutigen Wissen. Es könnte passieren, wenn bestimmte Bedingungen eintreffen (z. B. ein komplettes Verbot von Verbrennungsmotoren bis 2030).
3. Wahrscheinliche Zukunft (Probable)
Das ist die Welt der klassischen Prognosen. Wenn alles so weiterläuft wie bisher (Business as usual), landen wir hier. Die meisten Unternehmen planen nur für diesen schmalen Bereich.
4. Wünschenswerte Zukunft (Preferred)
Das ist der wichtigste Bereich für dich als Unternehmer. Welches Szenario willst du erreichen? Futures Thinking ist nicht nur passives Abwarten, sondern aktives Gestalten. Ohne eine Vision deiner wünschenswerten Zukunft bist du nur ein Spielball der Umstände.
Der konkrete Nutzen für KMU und Gründer
Vielleicht denkst du jetzt: „Ich habe genug mit dem Tagesgeschäft zu tun, ich kann nicht über das Jahr 2035 philosophieren.“ Das ist verständlich, aber kurzsichtig. Strategic Foresight bringt dir harte Vorteile im Hier und Jetzt:
- Bessere Entscheidungen heute: Wenn du verschiedene Szenarien durchdacht hast, triffst du heute Investitionsentscheidungen, die robuster sind. Du setzt nicht mehr alles auf eine Karte.
- Frühwarnsystem: Du lernst, Veränderungen im Markt zu erkennen, bevor sie in der Bilanz aufschlagen. Du siehst Chancen, wo die Konkurrenz noch schläft.
- Resilienz: Wenn eine Krise eintritt (Szenario X), fällst du nicht in Schockstarre, weil du diese Möglichkeit bereits mental durchgespielt hast.
- Innovationsvorsprung: Wayne Gretzky, die Eishockey-Legende, sagte einmal: „Ich laufe dorthin, wo der Puck sein wird, nicht dorthin, wo er war.“ Futures Thinking hilft dir, Produkte für die Bedürfnisse von morgen zu entwickeln.
Typische Hürden in Unternehmen
Warum macht das dann nicht jeder? Weil unser Gehirn und unser Arbeitsalltag dagegen arbeiten.
- Kognitive Verzerrungen: Wir leiden unter dem „Status-quo-Bias“. Wir bevorzugen unbewusst, dass alles so bleibt, wie es ist. Auch die „Verlustaversion“ spielt eine Rolle: Wir haben mehr Angst davor, das Bestehende zu verlieren, als Mut, Neues zu gewinnen.
- Operative Hektik: Das „Hamsterrad“ frisst die Zeit für strategisches Denken. Wer nur Brände löscht, kann keine Brandschutzstrategie entwickeln.
- Angst vor dem Lächerlichen: Jim Dator, ein bekannter Futurist, formulierte ein Gesetz: „Jede nützliche Idee über die Zukunft muss zunächst lächerlich erscheinen.“ In seriösen Meetings traut man sich oft nicht, radikale Ideen auszusprechen, aus Angst, als Träumer abgestempelt zu werden.
Zentrale Fähigkeiten zukunftsfähiger Unternehmen
Um Futures Thinking zu etablieren, brauchst du keine teure Software, sondern ein neues Mindset in deinem Team:
- Umgang mit Ambiguität: Lerne, es auszuhalten, dass es nicht die eine richtige Antwort gibt. Widersprüche sind okay.
- Systemisches Denken: Versuche, das große Ganze zu sehen. Ein Unternehmen ist keine Insel, sondern Teil eines komplexen Ökosystems aus Gesellschaft, Technologie und Umwelt.
- Starke Meinungen – locker gehalten: Formuliere Hypothesen über die Zukunft, aber sei bereit, sie sofort über Bord zu werfen, wenn neue Fakten auftauchen.
- Lernfähigkeit vor Effizienz: In stabilen Zeiten gewinnt der Effizienteste. In volatilen Zeiten gewinnt der Anpassungsfähigste.
Praktischer Einstieg: Wie du starten kannst
Du musst kein Wissenschaftler sein, um Futures Thinking zu nutzen. Hier sind drei Schritte für den Anfang:
1. Horizon Scanning (Umweltanalyse)
Hebe den Blick vom Schreibtisch. Nutze das STEEP-Modell, um deine Umgebung zu scannen:
- Social: Wie verändern sich Werte und Lebensstile deiner Kunden?
- Technological: Welche neuen Tech-Trends könnten dein Modell überflüssig machen?
- Economic: Wohin entwickelt sich die Kaufkraft?
- Environmental: Welche Klimafolgen treffen dich?
- Political: Welche Gesetze kommen auf dich zu?
Sammle „Weak Signals“ – kleine Nachrichten oder Beobachtungen, die merkwürdig wirken, aber ein Muster ergeben könnten.
2. Arbeite mit Szenarien
Statt eines starren Plans, entwickle „Was wäre wenn“-Geschichten.
- Szenario A: Alles läuft super (Best Case).
- Szenario B: Der Markt bricht ein (Worst Case).
- Szenario C: Eine neue Technologie verändert die Spielregeln komplett (Disruption).
Frage dich: Wäre mein Geschäftsmodell in allen drei Welten überlebensfähig?
3. Mache Zukunft zur Routine
Reserviere dir einmal im Quartal Zeit, um nicht im Unternehmen, sondern am Unternehmen und seiner Zukunft zu arbeiten. Diskutiere nicht nur Quartalszahlen, sondern Trends.
Fazit: Zukunft ist gestaltbar – aber nur bewusst
Die Zukunft ist kein Schicksal, das einfach über dich hereinbricht. Sie ist ein Raum voller Möglichkeiten. Als Unternehmerin oder Unternehmer hast du das Privileg und die Verantwortung, diesen Raum zu gestalten.
Wer Futures Thinking nutzt, wechselt von der Rolle des passiven Zuschauers in die des aktiven Gestalters. Du wirst nicht verhindern können, dass Krisen kommen. Aber du kannst verhindern, dass sie dich unvorbereitet treffen. Gerade für KMU und Gründer, die agiler sind als große Tanker, liegt hier eine riesige Chance: Wer schneller versteht, wohin die Reise geht, sichert sich die besten Plätze.
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